Einleitung
Tanzen macht heiter, froh und schön. Das weiß jeder, der es schon einmal probiert hat, und es gibt viele Berichte über die positiven Auswirkungen des Tanzens auf Körper und Geist. Dabei gibt es viele verschiedene Arten zu tanzen. Einzeln, in der Gruppe, in einer Formation oder im Paar, zu den unterschiedlichsten Arten von Musik oder auch mal ohne, immer ist „Tanz […] die Umsetzung von Inspiration […] in Bewegung.“ [1]
Ich möchte von Beobachtungen und Erfahrungen berichten, die ich als Tänzer beim Tango gemacht habe. Insbesondere interessiert mich, wie man sich einem anderen Menschen im Tanz nähern und sich mit diesem verbinden kann, so dass ein Austausch und Kommunikation über Einzelheiten des gemeinsamen Tanzes möglich werden. Dabei denke ich, dass Art und Qualität der Beziehung das innere Bild prägen, das die Partner voneinander gewinnen, und dass diese Faktoren für die äußere Form des gemeinsamen Tanzes wesentlich sind. Die Perspektive, die ich einnehmen möchte, ist daher auf die Bezogenheit von Handlungen und Bewegungen gerichtet. Die Beziehung zwischen den tanzenden Partnern in einzelne, wechselseitig bezogene Handlungen aufzulösen und deren Bezugspunkte und Arten der Bezugnahme unterscheiden und beschreiben zu können, ist ein Ziel dieser Arbeit.
Außerdem eröffnet diese Perspektive die Möglichkeit, von einer groben und oberflächlichen Betrachtung in eine zunehmend detailliertere Beschreibung einer immer feineren Bezugnahme zwischen Tanzenden hineinzuzoomen und so schließlich einen Tango als Abfolge sehr differenziert und stark aufeinander bezogener Bewegungen zu beschreiben. Diese Bewegung, aus einer unbestimmten, unbekannten Entfernung, hin zu einem Partner, in seine Nähe und immer weiter auf ihn zu, in die Berührung und weiter in die Auseinandersetzung um die von den Partnern gemeinsam gehaltene Grenze, ist für mich ein wesentlicher Aspekt getanzten Tangos. Der Wunsch nach Berührung ist die hier die Inspiration, die in Bewegung umgesetzt wird. Diese Bewegung, hin zum Partner in seinem lebendigen und dynamischen Ausdruck, möchte ich versuchen mit diesem Text nachzuvollziehen und so vielleicht auch Lesern ohne eigene Tanzerfahrung nachvollziehbar werden lassen. Es ist nie zu spät, um mit dem Tanzen anzufangen.
Im ersten Kapitel Verschiedene Arten zu Tanzen werde ich dazu einige grundlegende Formen der Bezogenheit beim Tanzen vorstellen, und dann im Weiteren verschiedene, zunehmend intensivere und differenziertere Formen der Bezugnahme auf einen Partner untersuchen. Das zweite Kapitel Verbindung durch Beziehung liefert dafür zunächst eine allgemeine Einführung in das Konzept der Bezogenheit, welches im dritten Kapitel Führen und Folgen auf die spezielle Situation eines tanzenden Paars angewendet wird. Tanzen lernen beschäftigt sich dann mit den inneren Auswirkungen dieser Bezogenheit auf den Übenden, die anschließend im Kapitel Die soziale Form in ihrer Anwendung auf der sozialen Ebene erörtert werden. Das alles gesagt, fasst das abschließende Kapitel La vida es una milonga zusammen, wie Tanz und Kultur des Tango dem Einzelnen nicht nur höchste Befriedigung verschaffen können, während sich das ganze Leben und seine Entwicklungsaufgaben darin spiegeln, sondern auch unmittelbar leiblich erlebbar machen, dass die individuelle Entwicklung zugleich zum Fortschritt der Gesellschaft und damit zum Erfolg und Vergnügen aller beiträgt.