Verschiedene Arten zu Tanzen

Zusammen tanzen

Tanze ich mit mehreren Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort, aber „jeder für sich“, dann sage ich, wir tanzen zusammen. Clubs oder Kitas sind Orte, an denen häufig Leute zusammen tanzen. Dabei teilen sie einen Raum und meistens auch die Musik, sind ansonsten in ihrem tänzerischen Ausdruck aber kaum eingeschränkt: Jeder kann abzappeln, wie er eben mag (Videobeispiel).

Gemeinsam tanzen

Tanzen alle zusammen und machen zusätzlich mehr oder weniger die gleiche Bewegung, dann sage ich, sie tanzen gemeinsam. Das heißt, alle schränken sich in ihren Bewegungen auf ein zuvor festgelegtes und einstudiertes Bewegungsmuster ein, das jede*r einzeln für sich aus seiner Erinnerung oder von einem zentralen Vortänzer abliest und ausführt. So funktionieren viele Arten von Formationstänzen oder häufig auch Kurse im Fitnessstudio (Videobeispiel).

Dabei gibt jede*r Tänzer*in viel Freiheit der Bewegung auf und gewinnt dafür Partizipation in der Gruppe. Die Tanzenden kommen sich inhaltlich näher, indem sie alle nach demselben Muster tanzen und daher ähnliche Bewegungen ausführen. Sie können sich dadurch auch räumlich näherkommen, als wenn sie ähnlich ausladende Bewegungen ohne Vorgabe frei ausführen würden. Das kann man z.B. in einer Karnevals-Polonaise beobachten.

Miteinander tanzen

Zwischen Menschen, die zusammen oder gemeinsam tanzen, kann es darüber hinaus zu einer tieferen Verbindung zwischen auf benachbarten Positionen Tanzenden kommen, indem diese ihre Bewegungen in Echtzeit mit den beteiligten Partnern abstimmen. Ein ähnliches Phänomen kann man auch beim Marschieren im Gleichschritt beobachten. Ich sage dazu, sie tanzen miteinander, und meine damit, dass die Tänzer sich wechselseitig aufeinander beziehen.

Was heißt es in diesem Zusammenhang, seine Bewegungen mit den benachbarten Partnern abzustimmen? Ich denke, es heißt für mich als einen der beteiligten Partner, dass ich mich auf bestimmte körperliche Eigenschaften meiner Partner beziehe, wie z.B. die Position des ganzen Körpers, der Körperachse oder die Position der Füße. Also meine Bewegungen so einschränke, dass z.B. der Abstand zwischen den Körpern konstant bleibt. Oder derart, dass die relative Position der Füße zueinander konstant bleibt usw.

Wenn ich versuche, Körperbewegungen mit meinem Nachbarn abzustimmen, vermeide ich Bewegungen, die mein Nachbar nicht macht und versuche das Maß meiner Bewegungen an das Maß der Bewegungen des Nachbarn anzupassen, indem ich z.B. Schrittlängen koordiniere. Macht mein Nachbar Bewegungen, die ich nicht mache, versuche ich diesen zu folgen. Dabei ist klar, dass diese Abstimmung ihre Grenzen hat und ich sie nur im Rahmen des mir möglichen erreichen kann. Keiner kann z.B. größere Schritte machen als er eben kann; macht mein Nachbar noch größere Schritte, bin ich nicht mehr in der Lage, eine weitere Verfeinerung der Abstimmung aus eigener Kraft zu verwirklichen. Kommt mir der Nachbar entgegen, können wir eine weitere Verfeinerung der Passung unserer Bewegungen erreichen, indem er jetzt ebenfalls versucht, seine Bewegungen mit meinen abzustimmen; indem er aufhört, Bewegungen zu machen, die ich nicht machen kann. Im Rahmen einer gegenseitigen Beziehung kann damit eine sehr viel feinere Passung zwischen den Bewegungen der Tanzenden erreicht werden.

Eine Grenze für die Verfeinerung der Passung kann auch durch andere Beziehungen entstehen: Tanze ich gemeinsam mit anderen in einer Formation und versuche dabei, mich mit einem Nachbarn abzustimmen, der aber seinerseits eine abweichende Choreografie tanzt, muss ich mich entscheiden: Bleibe ich der gelernten Choreografie treu, indem ich mich weiter auf sie beziehe, kann ich mich nicht weiter mit dem Nachbarn abstimmen, weil der ‚falsch‘ tanzt und ich diese Grenze nicht überschreiten möchte. Beziehe ich mich auf meinen Nachbarn, der anders tanzt, habe ich die Bezogenheit auf die Choreografie aufgegeben.

In all diesen Beispielen betrachte ich ausschließlich körperliche Eigenschaften in ihrer Abhängigkeit voneinander. Also Dinge wie die Position der Körperachse oder des Schwerpunkts oder der Füße oder Arme usw. Beim zusammen tanzen bewegen sich die Körper unabhängig voneinander, beim gemeinsam tanzen bewegen sie sich gleichförmig bzw. parallel, indem sie sich auf denselben äußeren Bezugspunkt beziehen (die Choreografie bzw. den Vortänzer) und beim miteinander tanzen bewegen sie sich aufeinander bezogen. Dabei müssen nicht zwangsläufig parallele Bewegungen ausgeführt werden, wie bei einer Formation oder der Polonäse. Insbesondere sind gegenläufige Bewegungen möglich, wie wenn ein Paar aufeinander zugeht, unterschiedliche Bewegungen, wie z.B. A geht um B herum, oder asymmetrische Bezugspunkte wie A bezieht sich mit seiner Schrittlänge auf die Position des Körpers von B, während B sich mit seiner Schrittlänge auf die Verwindung im Oberkörper von A bezieht -in all diesen Fällen tanzen die Beteiligten miteinander. Die technisch einfachste Form für ein Paar miteinander zu tanzen ist vermutlich, indem die Partner Blickkontakt halten, während sie ihre Körper unabhängig und willkürlich bewegen.

Paartänze

Diese Unterscheidungen kann man auch auf tanzende Paare übertragen: Zwei Menschen können, genauso wie eine Gruppe, zusammen, gemeinsam oder miteinander tanzen. Dabei unterscheiden diese Formen sich, neben vielem anderem, im Grad der Bezogenheit der Tanzenden aufeinander sowie in der Wahl der Bezugspunkte.

Tanzt ein Paar zusammen, gibt es einen abgrenzbaren Raum, in dem sich nur diese beiden Menschen bewegen. Dort bewegen sie sich frei und unabhängig voneinander. Das ist eher ein theoretisches Szenario, das vermutlich in der Realität selten auftritt. Tanzen diese beiden gemeinsam eine zuvor vereinbarte Choreografie, so gibt es für die Gestaltung dieser Choreografie kaum allgemeine Einschränkungen. Auch ein pas de deux des klassischen Balletts erfüllt diese Definition von gemeinsam tanzen. Oder auch dieses Videobeispiel.

In vielen Fällen von Paar- und Gesellschaftstänzen bewegen sich die Tanzenden gemeinsam in einer festgelegten, zugewandten Tanzhaltung, in der, bereits der Form nach, eine gegenseitige Bezugnahme gegeben ist. Diese kann eher locker und dynamisch zugewandt sein, wie z.B. bei vielen lateinamerikanischen Tänzen oder bei Tänzen aus dem Swing-Spektrum. Sie kann aber auch förmlicher und fester ausfallen, wie z.B. bei den Standardtänzen. Wichtig ist, dass die Tänzer einander zugewandt stehen; die Vorderseiten der Körper sind jeweils auf den Partner gerichtet. Statt paralleler Bewegungen treten nun entsprechende, partnersymmetrisch passende Bewegungen auf: z.B. einer geht nach vorn, der andere geht nach hinten.

Zum Beispiel steht A auf rechts und macht mit dem freien linken Bein einen Schritt nach links; B steht A gegenüber auf seinem linken Bein und macht mit dem freien rechten Bein einen Schritt nach rechts. In der Folge bewegt das ganze Paar sich einen Schritt zur Seite.

Eine solche Choreografie muss für beide Partner getrennt definiert werden, wie im Beispiel. Dann ist es aber ohne weiteres möglich, dass beide gemeinsam den festgelegten Bewegungen folgen, ohne sich detailliert auf das Gegenüber zu beziehen. Es ist sogar möglich, die Choreografie eines Paartanzes so zu gestalten, dass eine Bezugnahme auf das Gegenüber simuliert wird: Ich kann mir Bewegungen ausdenken (z.B. Fußschieber im Tango, ‚Barrida‘), die der Form nach, wie die zugewandte Tanzhaltung, eine Bezogenheit auf den Körper des Partners beinhalten, und diese dann auswendig aufführen. Durch den gemeinsamen Tanz wird dann die Simulation einer wechselseitigen Bezogenheit performt (Videobeispiel). Betrachtet man dagegen ein Paar, das miteinander tanzt (Videobeispiel), dann ist die Bezogenheit auf den Partner ein übergeordnetes Strukturmerkmal des Tanzes und hat für die Tanzenden eine höhere Priorität als die Bezogenheit auf die Choreografie; d.h. es ist dann wichtiger, im Kontakt zu bleiben als eine bestimmte Form zur Aufführung zu bringen.

Die Choreografie kann in diesen Fällen einen komplett durchgeplanten Tanz beschreiben, von Anfang bis Ende. Kleine Sequenzen, Schrittfolgen oder Figuren können aber ebenfalls im Sinn einer Choreografie auswendig gelernt und aufgeführt werden. Durch spontanes Arrangieren bekannter, auswendig gelernter Versatzstücke kann aus den gemeinsam performten Sequenzen im Ganzen ein improvisierter Paartanz entstehen, bei dem die Partner miteinander tanzen. Diese Art miteinander zu tanzen ist weit verbreitet bei vielen Standard- und Gesellschaftstänzen wie Discofox, Salsa, Swing, Tango usw. Das didaktische Aufbereiten und Vermarkten geeigneter Sequenzen ist Teil des Geschäfts von Tanzlehrern und -schulen der verschiedenen Richtungen.

Tanzen in Gesellschaft

Paartänze werden sowohl von Tanzsportlern bei Training und Wettbewerben getanzt als auch zum Vergnügen frei in Gesellschaft. Bei solchen Anlässen bewegen sich dann mehrere Paare auf einer Tanzfläche, die durch allerlei Bewegung laufend gestört wird. Leute betreten oder verlassen die Piste, und auch mit anderen Tanzenden müssen die Tänzer sich arrangieren, um niemanden anzurempeln.

Eine Möglichkeit, mit diesen Anforderungen umzugehen, kann für ein Paar darin bestehen, einen Teil des Raums dauerhaft in Anspruch zu nehmen und nur auf ihrem Platz zu tanzen. Ich stelle mir z.B. eine kleine Tanzfläche vor, auf der mehrere Paare mit Abstand zueinander Stehblues tanzen. Auch bei Swing, Salsa oder Diskofox lässt sich das Problem vermeiden, indem jedes Paar auf seinem Platz tanzt. Dort kann es dann gemeinsam bekannte Figuren aufführen und unterschiedlich fein aufeinander bezogen miteinander tanzen. Völlig ohne improvisierte Elemente werden sie aber normalerweise nicht auskommen; sobald sie nicht immer wieder die gleiche Sequenz tanzen möchten, ist mindestens eine Abstimmung über die als nächstes zu tanzende Sequenz erforderlich. Bei Tänzen wie Walzer oder Tango kommt es zudem automatisch zu einer Fortbewegung des Paars im Raum, was Navigation erfordert und damit ebenfalls spontane Koordination des Paars.

Die Fähigkeit zu improvisieren ist also wesentlich dafür, als Paar in Gesellschaft zum Vergnügen tanzen zu können; nur dann kann man flexibel auf seinen Tanzpartner und andere Ereignisse reagieren. Improvisation des Paares erfordert ein koordiniertes Verhalten in Echtzeit, was von einer Choreografie nicht geleistet werden kann. In diesen Situationen ist es erforderlich, dass das Paar sich in geeigneter Weise wechselseitig aufeinander bezieht, also dass sie miteinander tanzen. Dabei gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten und Formen, sich fester oder lockerer aufeinander zu beziehen und dafür unterschiedliche Bezugspunkte zu nutzen. In jedem Fall versuchen die Partner, sich zu bestimmten Qualitäten ihrer Bewegungen abzustimmen, wie Richtung, Schrittlänge, Dynamik usw. Im Folgenden möchte ich verschiedene Formen beschreiben, wie diese Abstimmung erfolgen kann. Manches davon erscheint mir in seiner Allgemeinheit auch andere Tänze zu betreffen, so ganz genau weiß ich das aber nicht, weil ich damit über kaum eigene Erfahrungen verfüge.

Am Ende geht es mir auch um die Frage, wie zwei Menschen überhaupt, indem sie miteinander tanzen, zu einem gemeinsamen Verständnis ihrer Situation kommen können, so dass sie in der Lage sind, sich in Echtzeit über ihr gemeinsames Verhalten abzustimmen. Immer wieder bin ich fasziniert von der Feinheit, mit der diese Abstimmung im Rahmen eines frei improvisierten Tanzes möglich ist, und ich habe den Eindruck, dass die fortschreitende Verfeinerung dieses gegenseitigen Verständnisses, deren Ende ich nicht absehen kann, der Weg ist, auf dem ich mich als Lernender, Übender und Tanzender bewege. Immer wenn wir uns auf der Milonga begegnen teile ich diese Erfahrung mit euch; an dieser Stelle möchte ich versuchen meine Gedanken dazu mit euch zu teilen.

Das ist die grundlegende Beobachtung, mit der diese Untersuchung für mich angefangen hat. Mit dem Ziel, ein Verständnis für diese Unterschiede zu entwickeln möchte ich zuerst den Tanz ‚an sich‘ betrachten, gesehen als die körperlichen Bewegungen der Tanzenden im Raum. Diese Bewegungen verstehe ich als bezogene Handlungen: Körperbewegungen, die in Bezug auf einen bestimmten Raum, in Bezug auf Musik oder in Bezug auf Menschen ausgeführt werden. Im ersten Teil werde ich diese Perspektive auf die Bezogenheit von Handlungen in allgemeiner Form einführen, um sie dann im Weiteren auf die Untersuchung konkreter Tanzsituationen anzuwenden.

Dabei möchte ich zunächst auf die Technik der Bewegungen fokussieren und innerhalb dieses Rahmens die verwendeten Bezugspunkte untersuchen. Durch diesen Blick auf die äußere Form des Tanzes bleiben andere Beziehungen entlang anderer Beziehungsachsen und -Ebenen des Erlebens vorerst unbeachtet, die in realen Tanzsituationen immer parallel bestehen. In der Beschränkung auf physisch greifbare, körperliche Bewegungen werden dann verschiedene Arten erkennbar, wie ich mich mit Bewegungen meines Körpers auf den Körper eines mit mir tanzenden Partners beziehen kann. Ausgehend von einer groben und oberflächlichen Wahrnehmung des Gegenübers, die von einer entsprechend groben, undifferenzierten Bezugnahme vermittelt wird, kann auf zunehmend feinere Details Bezug genommen werden, was eine feiner aufgelöste, detailliertere Wahrnehmung des Gegenübers ergibt. Mittels Übung und durch geeignete Technik der Bewegungen ist es möglich, zu einem immer genaueren inneren Bild des Tanzpartners zu kommen, das schließlich Körperteile und Bewegungsmöglichkeiten einschließt. Wobei ‚Bild‘ ein irreführendes Wort ist, denn bei dem entstehenden Partner-Körperschema handelt es sich nicht um ein Bild, sondern vielmehr ein Gefühl für die Position im Raum und die Bewegungsmöglichkeiten des Körpers des Tanzpartners, das auf Grundlage von Erfahrungen gewonnen wird. Den mit mir tanzenden Partner erlebe ich nicht als visuell vermitteltes ‚Bild‘, sondern ich fühle ihn, wie eine Erweiterung meines propriozeptiven Körperschemas um einen zweiten, unabhängigen Akteur.

Dieses Partnerschema, die Bedingungen seiner Entstehung in meiner Innenwelt, seine Verfeinerung, und wie man damit arbeiten kann, nicht zuletzt und insbesondere beim Tanzen, sind das Thema dieser Arbeit. Am Ende wird sich zeigen, dass die Perspektive auf die Bezogenheit der Handlungen auch geeignet ist, strukturell ähnliche Vorgänge auf anderen Ebenen abzubilden. So ist es vorstellbar, dass durch fortgesetzte und vertiefte Übung mit einem Partner das innere Bild dieses Partners nicht nur körperlich klarer konturiert und mit Bewegungsmöglichkeiten versehen wird, sondern auch die Wahrnehmung des Gegenübers als eines Fühlenden, Denkenden, Handelnden und Wollenden vertieft und verfeinert wird.

Entsprechend hoffe ich, mit dem Text nicht nur erfahrene Tänzer anzusprechen. Tatsächlich kenne ich hervorragende Tänzer, die sich überhaupt nicht für diese Art von Theorie interessieren. Ich glaube aber, dass die Beschäftigung mit diesen Zusammenhängen dem geneigten Tänzer Begriffe und Strukturen aufzeigen kann, die es leicht machen über Vorgänge beim Tanzen zu sprechen und nachzudenken, was hilfreich ist, wenn man zu einem vertieften Verständnis und verfeinerten Fähigkeiten kommen möchte.