La vida es una Milonga

Im vorliegenden Text habe ich versucht, getanzten Tango vorzustellen als Kunst, sich näherzukommen und Erfüllung darin zu finden, miteinander etwas Schönes zu gestalten. Das Mittel dazu scheint mir eine geeignete Bezugnahme zu sein, die es mir erlaubt, mich in der Verbindung zu einem freien und selbstständigen Partner aufrichtig und unverstellt zu entfalten. Das ist sicherlich nur eine von vielen möglichen Perspektiven auf das Phänomen, und auch über die Musik des Tango, die umfangreiche Tradition gesungenen Tangos, die Geschichte und den Ursprung am Rio de la Plata und anderes könnte man noch viel sagen. Noch dazu sind auch viele Aspekte des Tangos als Tanz unerwähnt geblieben oder nur oberflächlich behandelt worden; der ganze Text bleibt so ein Versuch und soll nicht mehr als einen Einblick in die vielfältigen Facetten der Materie verschaffen.

Statt aber weiter an einem Kompendium zu arbeiten, das möglichst viele Aspekte befriedigender abbildet, drängt es mich, den unvollständigen Text an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich denke, dass er gebraucht wird, sowohl von erfahrenen Tänzern unterschiedlicher Strömungen als Diskussionsgrundlage und Arbeitsmaterial, als auch von Menschen, die bisher noch nicht in Kontakt damit gekommen sind – noch nicht in den Genuss gekommen sind. Denn die Vereinzelung greift immer weiter um sich, und es ist verbreitet, Vereinzelung und Vereinsamung als zwangsläufige Kehrseite wünschenswerter Entwicklungsfortschritte zu begreifen. Dieser Auffassung eines Gegensatzes zwischen individueller Selbstbehauptung des Einzelnen und fruchtbarer gemeinschaftlicher Aktivität, die zu guten Ergebnissen führt und dabei auch noch Freude stiftet, möchte ich engagiert widersprechen. Nicht nur im Sinn einer persönlichen Meinung zu einem idealistischen Konzept; vielmehr erscheint mir der Tanz mit Anderen ein konkretes Beispiel dafür zu geben, dass es ganz praktisch und leiblich erlebbar möglich ist, diesen Gegensatz zu überwinden. Miteinander zu tanzen macht Freude und befördert gleichzeitig beide Ziele, den individuellen Fortschritt und den gemeinschaftlichen Erfolg, und zwar ohne sie gegeneinander auszuspielen.

In einer Zeit, die von großen Veränderungen geprägt wird, sozialen, ökologischen, wirtschaftlichen und technologischen, ist es eine Frage des gesellschaftlichen Fortbestehens, ob es gelingt, diesen Gegensatz zu überwinden. Oder wie Sigmund Freud es schon 1930 formuliert hat: „Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden.“ [21] Denn in vielerlei Hinsicht sitzen wir alle in einem Boot, ob wir wollen oder nicht. Wir alle miteinander. Eine unvollkommene, mitunter schwer gestörte Gemeinschaft. Nicht wir gegen die Anderen. Schon gar nicht ich gegen die Anderen. Und auch nicht ich gegen den einzelnen Anderen. Die Aufgabe, vor der wir uns als Gemeinschaft gestellt sehen, ist, es miteinander auszuhalten und eine Party möglich zu machen. Dafür müssen wir uns begegnen und miteinander aushandeln, wie wir mit den Herausforderungen umgehen wollen. Und zwar, in dem wir auf der individuellen Ebene miteinander in fruchtbaren Austausch treten und jeweils für uns mit unseren Wünschen und Bedürfnissen einstehen.

Das klappt nicht immer gleich gut. Und es gibt bei der Annäherung an jeden Einzelnen der Anderen jeweils einen Abstand, in dem ich ihn nicht mehr ertragen mag. Wenn er nur nahe genug kommt, ist jeder irgendwann zu nahe. Vollständige Verschmelzung ist mit niemandem möglich, und ob sie überhaupt wünschenswert wäre, ist nicht leicht zu entscheiden. Der eine riecht nicht gut, der nächste erscheint grob, unbeholfen oder abwertend, der dritte ist zu schön, zu stark oder zu klug, dass ich mich in seinem Schatten noch wohlfühlen könnte. Was man auf der Milonga darüber lernen kann, ist in meinen Augen, dass es gar nicht erforderlich ist, jedem beliebig nahe zu kommen. Niemand muss mit jedem gleich gut können oder gleich nahe zusammenkommen. Die Kunst, sich nahezukommen zeigt sich vielmehr im Prozess des Aushandelns eines geeigneten Abstands, in dem die Partner sich freudvoll begegnen können und so mit ihren Interaktionen zum Gelingen der gesamten Veranstaltung beitragen.

Trotzdem kann man es besser oder schlechter können, und die Kunstfertigkeit beweist sich darin, wie nahe man den Leuten kommen kann, ohne sich selbst dabei schlecht zu fühlen, bzw. wie nahe man andere an sich heranlassen kann, ohne darunter zu leiden. Alleine zu Hause sitzen und sich behaglich fühlen kann jeder, sofern er ein Zuhause hat. Dort, wo es eng und schwierig ist, mit anderen Spaß zu haben, ist eine Kunst, die sich zu entwickeln lohnt. Noch dazu, wenn man verstanden hat, dass man gar nicht ganz falsch liegen kann, solange man sich authentisch in die Welt bringt. Das heißt noch lange nicht, dass jede authentische Handlung von den Anderen begrüßt wird; nur weil man authentisch handelt, ist noch kein Erfolg garantiert. Es gibt aber in jeder Situation zu jedem Impuls unendlich viele Möglichkeiten, diesen authentisch auszudrücken; die Kunst besteht darin, eine Form zu finden, mit der die Anderen etwas anfangen können, ohne Abstriche bei der eigenen Aufrichtigkeit zu machen. Das macht Freude und bringt das große Ganze weiter voran. Und jeder macht es, so gut er kann; niemand hat ein Interesse daran, einen schlechteren Beitrag zu leisten als er könnte, denn damit würde er zuerst sich selbst schaden. Wer aber von vornherein darauf verzichtet, sich aufrichtig einzubringen, indem er sich unterordnet und Motive vortäuscht, die ihm gar nicht eigen sind, stellt sein Licht unter einen Scheffel. Auf diese Weise kann man nicht zum Ziel gelangen, und echter Erfolg ist von vornherein ausgeschlossen.

So scheint mir das Ganze, der Tanz, die Kultur darum, die Milonga, eine größere gesellschaftliche Relevanz zu haben. Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass diese Kultur ihren Ursprung in einer Gesellschaft entwurzelter Einwanderer und verarmter Landbevölkerung genommen hat, wie sie sich in den Armenvierteln von Buenos Aires zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammengefunden hat. Und ich glaube, dass es ebenso wenig Zufall ist, dass dieser Tanz und diese Kultur in den letzten zwanzig Jahren weltweit zu einer neuen Blüte gefunden haben. Nicht nur, aber insbesondere unter klugen und gebildeten Leuten. Denn das, was diese armen, ungebildeten und häufig sogar traumatisierten Menschen vor 100 Jahren entwickelt haben, ist eine Quelle von Befriedigung und existentieller Validierung in der Gemeinschaft mit anderen, ohne dabei seinen Narzissmus, seine egoistischen und aggressiven Neigungen unterdrücken zu müssen, wie es die bürgerliche Hochkultur von ihren Teilnehmern zu verlangen scheint. Es ist ‚paracultural‘, eine andere Form der Kultur, und möglicherweise eine besser funktionierende, jedenfalls eine zeitgemäße.

Sich dem auszusetzen und die damit einhergehenden Fähigkeiten einzuüben und zu verfeinern ist gut und hilfreich. Unmittelbar macht es unglaublich viel Spaß und setzt große Glücksgefühle frei; viele werden geradezu süchtig danach. Auch wenn man nur auf den Spaß aus ist, lohnt es sich, ganz egoistisch und selbstbezogen. Darüber hinaus bildet es viele Herausforderungen des echten Lebens außerhalb im kleinen Maßstab ab und ermöglicht durch die hohe Sichtbarkeit des Geschehens, wie in einem Reagenzglas, die Folgen des eigenen Handelns leichter zu beobachten, zu evaluieren und daraus zu lernen.

Es mag andere Wege geben, die eigene Entwicklung zu befördern und Freude am Leben mit Anderen zu finden und zu teilen; dieser jedenfalls ist heiter und voller Leidenschaft. „Man muss das Leben tanzen“ ist ein im Internet kursierendes Kuckuckszitat, das fälschlicherweise Friedrich Nietzsche zugeschrieben wird; auch wenn er das so nie geschrieben hat, enthält der Satz doch viel Wahres und würde zweifellos zu ihm passen [22]. Was tatsächlich bei Nietzsche zu finden ist: „Und verloren sei uns der Tag, wo nicht Ein Mal getanzt wurde! Und falsch heisse uns jede Wahrheit, bei der es nicht Ein Gelächter gab!“ [23] In diesem Sinn könnt Ihr also gern über diese Abhandlung lachen. Wenn sie dazu noch Lust weckt, tanzen zu gehen, dann hat sie ihren Sinn erfüllt und war die Arbeit wert. Amüsiert euch, lebt wild und ungestüm! Jetzt!

Wir sehen uns auf der Piste.