In Betrachtungen des zeitgenössischen Tango wird häufig über Verbindungen gesprochen. So beginnt das Standardwerk „Caminar Abrazados“ von Melina Sedó und Detlef Engels zur Theorie und Technik der Tangotanzens mit der Einführung vier wichtiger Verbindungen [2]. Neben der Verbindung zu sich selbst, zur Musik und zu den anderen Tänzern hat dabei die Verbindung zwischen den tanzenden Partnern große Bedeutung. Die Verbindung im Paar, häufig auch in Form der Umarmung oder embrace, ist ebenfalls Gegenstand zahlloser Blogeinträge und Kommentare. Beispiele finden sich bei Veronica Tumanova [3] (in Übersetzung), Artem Maloratsky [4] (in Übersetzung), in diesem Leserbrief [5] zum Blog „Plauderei über den Tango Argentino“ und noch bei vielen anderen. Vorschlagen möchte ich an dieser Stelle einen Perspektivwechsel, weg von einer Position, aus der das Paar und seine Verbindungen beschrieben werden können, hin zu Nahaufnahmen, in denen einzelne Akteure sich in bestimmter Weise in Beziehung begeben – oder nicht. Die bekannten Verbindungen lassen sich dann als Kombinationen verschiedener Beziehungsachsen zweier Akteure beschreiben. Insbesondere möchte ich zeigen, wie Resonanzphänomene zwischen den Tanzenden sich aus dieser Perspektive nachvollziehbar beschreiben lassen und wie durch die Bezugnahme auf den Partner die Ausbildung einer inneren Repräsentation dieses Partners vermittelt wird.
Ausgehend von einer sehr allgemeinen Definition davon, was es für einen Subjekt bedeutet, sich auf etwas zu beziehen, möchte ich unterscheiden zwischen Bezogenheit auf einen unbelebten Gegenstand, Bezogenheit auf ein dynamisches Phänomen wie z.B. Musik und schließlich Bezogenheit auf ein anderes autonomes Subjekt: ein Gegenüber.
Bezogenheit auf eine Sache
Allgemein verstehe ich unter einer bezogenen Handlung eine, deren Form mit einem von mir verschiedenen Bezugspunkt abgestimmt ist. Bezugspunkt kann ein beliebiges Phänomen meines Erlebens sein: ein Mensch, eine Sache, oder auch eine Welle, Musik usw. Wenn ich bezogen handle, dann handle ich auf eine mit dem Bezugspunkt abgestimmte Art und Weise; die Bezogenheit realisiert sich darin, wie ich es mache, nicht was ich mache. Abstimmen heißt in diesem Fall, nur das zu tun, was gemeinsam mit dem Bezugspunkt möglich ist. Also sich auf Handlungen zu beschränken, die, in dieser spezifischen Weise verbunden, möglich sind. Das, was mich dann mit dem Bezugspunkt verbindet, ist ein konstantes Verhältnis zwischen einer Eigenschaft von mir und einer Eigenschaft des Bezugspunkts.
Wenn ich z.B. um eine Säule herumgehe, beziehe ich mich auf sie, indem ich von allen Bewegungen, die mir zur Verfügung stehen, nur solche umsetze, bei denen die Säule auf derselben Seite meines Körpers bleibt. In diesem Beispiel ist die Säule der Bezugspunkt, und die relative Position der Säule zu meinem Körper, z.B. ‚links‘, ist das Verhältnis, das ich konstant halte.
Wenn ich stattdessen die Säule umarme, habe ich eine andere Form gefunden, mich auf sie zu beziehen, die aber immer noch rein körperlich beschrieben wird: Eine ganz bestimmte Position der Säule zu meinem Körper wird festgeschrieben, nämlich: Säule zwischen meinen Armen. In dieser Weise auf die Säule bezogen kann ich dann alles tun, was mir eben möglich ist, solange ich die Arme um die Säule gelegt habe. Ich kann mich mehr oder weniger nah vor die Säule stellen, schräg oder auf Zehenspitzen usw., und dabei doch immer ‚die Säule umarmend‘ bleiben: in dieser Weise auf sie bezogen.
Körperliche Bezogenheit
Fange ich an, andere Aspekte meines Erlebens mit der Säule abzustimmen und mich z.B. emotional auf sie zu beziehen: „Ich liebe diese Säule!“ -dann habe ich die körperliche Ebene verlassen. Das macht natürlich keinen Sinn, das Beispiel zeigt aber, wie allgemein diese Definition von ‚sich auf etwas beziehen‘ ist und dass wir im normalen Sprachgebrauch bei einer rein körperlichen Bezogenheit auf einen Gegenstand eben gar nicht von beziehen sprechen würden. Wir sagen und denken: “Ich gehe einen Weg entlang!“ und nicht „Ich beziehe mich in meinem Vorwärtskommen auf diesen Weg!“.
Aber auch an diesen Beispielen kann man erkennen, wie Bezogenheit sich realisiert, wo ich die Art und Weise, wie eine Handlung vollzogen wird, von einem Bezugspunkt abhängig mache. Wo ich die Form meiner Handlung an einen Bezugspunkt binde. Und die Bezogenheit wird dort erkennbar, wo diese Bindung meinen Spielraum scheinbar beschränkt: Wenn ich mich auf die Säule beziehe, indem ich um sie herumgehe, kann ich nicht plötzlich einfach von ihr weg aus dem Raum gehen (das ist die offensichtliche Einschränkung), ohne diese Bezogenheit aufzugeben. Gehe ich einfach raus, habe ich aufgehört, mich in dieser Weise auf die Säule zu beziehen. Dabei sind die Handlungen, die in diesen Beispielen abgestimmt werden, rein körperlicher Natur: ‚Gehen‘ beim ‚um eine Säule herumgehen‘ und ‚stehen‘ bzw. ‚halten‘ beim ‚eine Säule umarmen‘. Die Beispiele beschreiben also rein körperliche Beziehungen auf Grundlage von Bewegungen.
Wenn ich einen Gang entlang gehe, dann beziehe ich mich üblicher- und sinnvollerweise auf diese Gegebenheit, indem ich mich entlang der Längsachse bewege und so das Ende des Gangs erreichen kann, ohne an die Wand zu stoßen. Indem ich die Bewegungen meines Körpers beim Gehen auf die umliegende Architektur abstimme, ist es eine rein körperliche Beziehung. Solange ich meine Bewegungen auf solche beschränke, die mir erlauben, nicht anzustoßen, bin ich gewissermaßen im Einklang mit dem Gang: Denke ich magisch würde ich sagen: ich bin mit dem Gang verbunden, der mich hält und führt; in Harmonie mit dem Gang schreite ich dahin… Vergleichsweise trocken, aber vernünftiger scheint es mir stattdessen festzustellen: ich beziehe mich auf die Einschränkungen, die mir der Gang entgegenstellt, und das erlaubt mir dorthin zu kommen wohin ich unterwegs bin, ohne gegen die Wand zu laufen.
Bezogenheit auf Musik
In ähnlicher Weise kann ich mich auch rein körperlich auf Musik beziehen: Dabei ist Musik zwar kein Gegenstand, an dem ich mich stoßen kann, trotzdem setzt sie einen unverfügbaren Rahmen, mit dem ich mich arrangieren muss, will ich mich mit der Musik verbinden. Ganz körperlich beziehe ich mich auf Musik, wenn ich mich dazu bewege. Im einfachsten Fall wie im Kinderspiel: wenn die Musik aufhört, müssen alle still stehen bleiben. Die Einschränkung besteht dann darin, sich nur dann zu bewegen, wenn auch die Musik läuft.
Differenzierter, und trotzdem weiterhin rein körperlich, wird die Beziehung zur Musik, wenn ich versuche, meine Bewegungen mit inhaltlichen Aspekten der Musik abzustimmen. Also zum Beispiel, wenn ich auf den Beat der Musik gehe. Wieder geht die Beziehung für mich mit einer Einschränkung meiner Bewegungsmöglichkeiten einher: Will ich mich zum Beat bewegen kann ich mich nicht völlig willkürlich bewegen und erwarten, dass der Beat zu meinen Bewegungen passt. Ich kann dann nur solche Bewegungen machen, die etwas mit dem Beat zu tun haben. Wie ich in den von der Musik betonten Momenten meine Bewegung betone bleibt dabei mir überlassen: ich könnte mit dem Fuß aufstampfen, in die Hände klatschen, in die Luft boxen, einen Schritt gehen oder innehalten… In all diesen Fällen beziehe ich mich auf die Musik.
Und natürlich kann ich mich auf Musik auch in einer Vielzahl anderer Arten beziehen, etwa indem ich ein Motiv als ‚Donnergrollen‘ ein anderes als ‚laues Lüftchen‘ pantomimisch darstelle, oder organisatorisch, wenn ich „Happy Birthday“ singe um mir ausreichend Zeit zum gründlichen Händewaschen zu verschaffen. Auch auf musikalischer Ebene kann ich mich auf Musik beziehen, indem ich als Musiker mitspiele und mich dabei neben vielem anderen zum Beispiel auch auf die Tonart beziehe: Wenn alle in G spielen und ich in F# dazu singe, kann ich ähnlich schmerzhafte Erfahrungen machen, wie wenn ich mich körperlich an einer Wand stoße. Es passt dann in unangenehmer Weise nicht. Umgekehrt ist Passung gerade beim gemeinsamen Musizieren oft auch sehr angenehm und segensreich; ein gut gestimmtes Orchester klingt dann harmonisch zusammen, wenn sich die Beteiligten in geeigneter Weise aufeinander beziehen.
Ein Surfer, der eine Welle reitet, bezieht sich ebenfalls, vermittelt über sein Brett, mit dem ganzen Körper, in hochdifferenzierter, komplexer Weise, auf ein dynamisches Phänomen, so dass sein Körper stets vor und über der Welle gehalten wird. Alles, was er an dieser Stelle noch an Tricks vollführen kann, erfolgt in Beziehung zu Welle und damit innerhalb der Beschränkungen, die diese Situation mit sich bringt. Es ist dann eben gar nicht so leicht, das Brett z.B. in eine andere Richtung zu lenken, vieles ist gar nicht möglich. Geht die Bezogenheit insgesamt verloren, wird er von der Welle weggespült.
Ein elementares Beispiel für eine körperliche Beziehung auf ein dynamisches Phänomen ist das Gehen durch eine Drehtür. Im einfachsten Fall genügt ein automatisches Modell, das durch einen Motor langsam und kontinuierlich angetrieben wird. Mit dieser Bewegung stimme ich meinen Bewegungsablauf ab, während ich durch die Tür gehe, und das erlaubt mir unbeschadet auf die andere Seite zu gelangen. Bei einer mechanischen Drehtür, die von den Hindurchgehenden nach Bedarf angeschoben wird, sind die Verhältnisse gleich viel komplizierter: hier kann die Abstimmung mit einer anderen Person erforderlich sein.
Bezogenheit auf ein Gegenüber
Eine Beziehung besteht für mich also aus den Beschränkungen meiner Handlungsmöglichkeiten, die ich hinnehmen muss, um das Verhältnis zu einem Bezugspunkt in bestimmter Weise konstant zu halten. Das trifft auch zu, wenn ich mich auf einen anderen Menschen beziehe:
Beziehe ich mich zum Beispiel auf ein Gegenüber, indem ich seine Hand halte, dann kann ich in der Beziehung eben alles machen, was mir möglich ist, ohne diese Hand loszulassen. Das ist die offensichtliche Einschränkung. Konstant bleibt in der Beziehung die relative Position der Hände zueinander: verschränkt. Lasse ich plötzlich los und gehe allein davon habe ich aufgehört mich in dieser Weise auf den anderen zu beziehen.
In Beziehungen zu anderen Menschen treten aber wichtige Besonderheiten auf: Zum Beispiel kann mein Gegenüber meine Hand weiterhin festhalten, wenn ich loslasse. Mein Bezugspunkt ist damit kein statischer Gegenstand, und auch kein einfaches dynamisches Phänomen, sondern ist seinerseits ein autonom handelndes Subjekt, wie ich. Beziehe ich mich also auf ein Gegenüber, indem ich seine Hand halte, gibt es nicht nur ein Spektrum von Möglichkeiten, wie ich seine Hand halten kann, sondern es gibt darüber hinaus ein anderes Spektrum von Möglichkeiten, wie mein Gegenüber meine Hand halten kann. Daraus ergeben sich vielfältige Möglichkeiten, sich zueinander zu verhalten.
Zum Beispiel kann ich die Hand des Gegenübers ergreifen und er überlässt mir seine wie einen toten Fisch, einen Gegenstand. Oder ich greife nach seiner Hand und das Gegenüber zieht seine zurück. Oder ich ergreife seine Hand und parallel ergreift das Gegenüber meine Hand; wir begegnen uns. Dabei können wir, statt zu klammern und festzuhalten, auch unsere Hände in Positionen bringen, wo sie sich vorsichtig berühren, wir uns zärtlich halten, die Hände gegeneinander klatschen usw.
An den Beispielen sieht man, dass in einer Beziehung zwischen zwei Handelnden die gegenseitige Haltung zueinander große Bedeutung hat: Das Verhältnis, das im Rahmen der Beziehung konstant gehalten wird, ist nun nicht mehr nur allein von mir bestimmt. Ich kann die endgültige Form des gemeinsamen Handelns nicht mehr allein entscheiden. Was wir am Ende tatsächlich miteinander machen, ist nun ebenso von der Haltung und den Bewegungen meines Gegenübers beeinflusst wie von meiner. Damit sind wir sind auch beide verantwortlich für unser gemeinsames Handeln in der Beziehung.
Wie zum Beispiel in folgender Geschichte: Ich greife nach der Hand des Gegenübers, der seine zur Faust ballt. Meine Hand umschließt die Faust wie das Papier den Stein beim Schnick-Schnack-Schnuck. Wir verharren einen Moment, dann lockert, dreht und öffnet das Gegenüber seine Faust langsam in meiner bis unsere Handflächen aneinander liegen. – Damit diese Bewegung des Gegenübers möglich ist, darf ich seine Hand nicht starr festhalten, sonst würde ich die Bewegung verhindern. Also nicht wie man ein Werkzeug hält, eine Schaufel oder einen Hammer; in so einem Fall würde ich erleben, wie seine Bewegung sich gegen meinen Griff richtet. Das Ergebnis wäre einseitig vom Stärkeren bestimmt, der sich gegen den Widerstand des Gegners durchsetzt.
Umgekehrt erlebe ich unmittelbar, wenn jemand meine Hand wie einen Hammer hält. Oder wie einen Handschuh oder eine Decke. Also wenn er mich als Gegenstand benutzt. Vielleicht fühle ich mich eingeengt und meiner Freiheit beraubt mich zu entfalten. Dabei raubt natürlich keiner; ich könnte versuchen mich durchzusetzen oder ganz aus der Beziehung gehen. Beziehe ich mich positiv darauf, spiele ich das Spiel mit, wie ein Gegenstand behandelt zu werden. Dann gebe ich Freiheiten auf und nehme hin, in dieser Situation wie eine Sache behandelt zu werden.
Will ich mich aber auf den Körper eines sich autonom bewegenden Gegenübers beziehen, dann muss ich bei meinen Bewegungen nicht nur den Raum aussparen, den sein Körper in diesem Moment besetzt, sondern ich muss auch Raum für mögliche Bewegungen vorhalten: Indem ich das Gegenüber als mir ebenbürtig und autonom handelnd akzeptiere, entsteht so zwischen uns ein Raum von Möglichkeiten. Denn es genügt nicht mehr, mich z.B. beim Halten der Hand nur auf die aktuelle Position der Hand zu beziehen. Das würde heißen, meine Bewegungen so einzuschränken, dass seine unbewegte Hand dazwischen Platz hat. In diesem Fall würde ich die Hand des Gegenübers halten, als wäre sie eine leblose Sache, wie ein Hammer oder ein toter Fisch. Das kann ich zwar tun, aber dann kann mein Gegenüber seine Hand in meiner nicht mehr frei bewegen. Halte ich stattdessen die Hand meines Gegenübers im Bewusstsein seiner Autonomie, muss ich die Möglichkeit von Haltungsveränderungen des Gegenübers berücksichtigen. Berücksichtigt mich das Gegenüber in analoger Weise im Rahmen einer wechselseitigen Beziehung, dann entsteht zwischen uns ein Raum möglicher gemeinsamer Handlungen.
An den Beispielen kann man gut erkennen, dass mit zwei Handelnden komplizierte zeitliche Verläufe möglich sind. Gleichzeitige oder abwechselnde, gleichsinnige oder gegenläufige, koordinierte oder unabhängige Handlungen sind innerhalb einer gegebenen Beziehung zwischen zwei Handelnden möglich und lassen sich in ihrer Abfolge als Geschichte erzählen. Das gesagt wird deutlich, dass die äußere Form eines Paartanzes, die Gestalt der Bewegung der miteinander tanzenden Körper, als Verlauf und Veränderung der Beziehung zwischen den Körpern zweier autonom Handelnder beschrieben werden kann.